(Aus: Bernd Rother: Wilhelm Bracke... Braunschweig 1984, S.64ff sowie die 3.Ausgabe von Frieder Schöbel...2005)

Wilhelm Bracke: Mein Glaubensbekenntnis

1) Ich hasse den Müßiggang und die Müßiggänger, liebe dagegen die Arbeit und alle diejenigen, welche nützliche Arbeit verrichten. Ich sehe aber den Müßiggang oben auf und die Arbeit unterdrückt und bin daher einer derjenigen, welche verlangen, dass der Arbeit zu ihrem Rechte verholfen wird.

2) Ich sehe, wie die Reichen, obschon sie wenig oder gar nichts tun, immer neue Reichtümer erwerben, die doch nur die Erträge der Arbeit anderer fleißiger Leute sind. Ich glaube, dass das, was Jeder durch seine Arbeit sei es Hand- oder Kopfarbeit schafft, ihm gehöre und dass es daher Zeit ist, das Eigentumsrecht der werktätigen, arbeitenden Bevölkerung an dem Ertrage ihrer eigenen Arbeit sicher zu stellen.

3) Ich sehe alle diejenigen, welche arbeiten, um zu leben, in gleicher Lage: sie alle arbeiten nur zum Teil in ihrem eigenen Nutzen, zum Teil aber für Andere, welche nichts tun. Sie haben daher alle das gleiche Interesse, die Geltung, das Ansehen und das Einkommen der Arbeit zu heben. Kein Teil des arbeitenden Volkes hat einen anderen Teil desselben als seinen Feind anzusehen. Alle leiden, wenn Einer leidet, so leiden auch Handwerker, Bauern und Beamte, wenn es, wie heute, den Lohnarbeitern schlecht geht. Die Lohnarbeiter aber sind die Avantgarde des gesamten arbeitenden Volkes.

4) Ich sehe, wie der kleine Besitz mehr und mehr zu Grunde geht, indem er verschlungen wird vom großen Besitze. Ich sehe, wie die Handwerker gegen die Fabrikindustrie, wie die kleinen Bauern gegen die Großackerwirtschaft nicht zu konkurrieren vermögen und mehr und mehr ihre Selbständigkeit verlieren. Ich sehe, wie der Staat alles tut, was die Übermacht des großen Kapitals befestigt, wie er fortwährend Gesetze macht in dessen Interesse (Aufhebung der Wuchergesetze, Aktiengesetze, agrarische Gesetze usw.). Aber das Heilmittel sehe ich nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft.

5) Ich sehe, wie es heute möglich ist, dass einzelne das fleißige Volk um Hunderttausende bestehlen (Gründer), sehe aber nur selten einen dieser großen Spitzbuben im Gefängnis. Und ich glaube, dass diese Verhältnisse in der maßlosen Gier nach mühelosem Erwerb ihre Ursache haben, welche Gier die Menschen unter der heute bestehenden Herrschaft des Mammons erfasst hat und welche sogar durch den Staat befördert wird mit Lotterien, Prämienanleihen usw. Ich glaube, dass an Stelle des heutigen Missverhältnisses ein anderer Zustand herbeigeführt werden kann und soll, in welchem abgesehen von Kindern, Greisen, Krüppeln und Kranken von einem Erwerb nur die Rede sein kann auf Grundlage selbst getaner Arbeit.

6) Ich bin der festen Überzeugung, dass das arbeitende Volk den Schutz seiner Arbeit und seiner Interessen erreichen kann, wenn es bei der Gesetzgebung seinen Einfluss geltend macht. Und ich glaube auch, dass, wenn es die verschiedenen Zweige des Erwerbs- und Verkehrslebens planmäßig organisiert (nach dem Muster der Post), wenn es über alle politischen und gesellschaftlichen Einrichtungen selbst Bestimmung trifft, dass dann Gerechtigkeit einkehren wird in alle Verhältnisse. Denn das arbeitende Volk kann nur sein eigenes Wohlergehen wollen und das Wohlergehen aller seiner Glieder und es wird, sobald es nur die Macht dazu hat, diese Wohlfahrt schon zu fördern verstehen.

7) Als Hauptursache sehe ich an, dass der Einfluss der Volksmasse auf die Gesetzgebung gehoben wird. Daher verlange ich das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht, wie es für den Reichstag besteht, auch für die Land- und Kreistage und Gemeindevertretungen. Außerdem verlange ich Freiheit für das politische Leben des Volkes, damit es seine Klagen und Forderungen zur Geltung bringen kann. Von den Gliedern des arbeitenden Volkes aber erwarte ich, dass es jede Gelegenheit, die ihm geboten wird, benutzt, damit es seinen Willen verkündet; eine solche Gelegenheit ist die Reichstagswahl.

8) Als eine Grundlage für Verbesserung unserer Zustände betrachte ich eine gründliche Änderung des heutigen Schulwesens. Die Volksschule ist nicht so, wie sie sein sollte und könnte, und der Unbemittelte vermag seine Kinder nicht in die teuren höheren Schulen zu senden. Das gleiche Recht für Alle fordert daher, dass die heutigen Klassenschulen beseitigt werden und eine einzige Schule gegründet wird, deren höchste Stufe die Universität ist. In diese eine Schule haben Alle ihre Kinder zu senden, ob reich oder arm, und die Verhältnisse sind so zu regeln, dass auch die ärmsten Kinder sich die höchste Bildung anzueignen vermögen, bis in die Universität hinauf, wenn sie nur tüchtig und fleißig sind. Dann werden wir auch gute Schulen haben.

9) Soll die Schule ihrer Aufgabe völlig genügen, so muss sie auch von der Kirche getrennt werden. Den Einfluss der Kirche auf die Schule halte ich für einen unheilvollen. Was Jemand glaubt, ist mir gleichgültig, ich lasse Jedem die Freiheit zu glauben, was er will, beanspruche diese Freiheit aber auch für mich und bekämpfe daher die Privilegien, mit welchen der Staat die Kirche ausgerüstet hat, weil dadurch die Gewissensfreiheit Andersdenkender beeinträchtigt wird. Die Religion ist so wenig Staatssache, wie sie Gemeindesache ist, sie ist Privatsache, Sache jedes Einzelnen.

10) Die heutigen Steuern bekämpfe ich als ungerecht, weil sie den kleinen Mann am meisten drücken, und verlange an Stelle aller anderen Steuern die progressive, direkte Einkommensteuer, welche Jeden im Verhältnis zu seinen Einnahmen trifft, und durch welche auch die Kosten für das neue Schulwesen aufzubringen wären.

11) Das Einjährigfreiwilligensystem betrachte ich als ein Unrecht gegen diejenigen, welche drei Jahre dienen müssen, und fordere, dass die Dienstzeit für Alle gleich ist, da sie erst dann nach aller Möglichkeit verkürzt werden kann.

12) Ich glaube auch, dass die Verteidigung des Vaterlandes besser als durch stehende Heere, welche den Volkswohlstand ruinieren und den Frieden bedrohen, durch eine Volkswehr sichergestellt werden könnte, welche zugleich weniger kostet an Zeit und Geld und doch unwiderstehlich ist, wie das die französische Revolution, der nordamerikanische Unabhängigkeitskrieg und der nordamerikanische Sklavenbefreiungskrieg beweisen. Und endlich glaube ich, dass alles mögliche aufgeboten werden muss, um es zu erreichen, dass nicht alle Augenblicke der Frieden gestört, der Wohlstand der Völker verwüstet und der kräftigste Teil der Jugend getötet wird, sondern dass Frieden sei unter den Völkern.

Gerechtigkeit für alle!